Schattentausch

Schattentausch

Du glaubst mir nicht, ich sehe es
dir an,
obwohl ich die Wahrheit sage,
glaubst du mir nicht.
Wie solltest du auch.
Es gibt so viel Unwahrheit in unserem Leben,
dass Vorsicht geboten ist, bei all den Worten
die hin und her geschleudert werden
zwischen dir und mir.
Und doch.
Es wäre gut, wenn du mir glauben würdest.
Nur dieses eine Mal, dieses eine, vielleicht letzte Mal.
Auch wenn du dich entscheidest, in meinen Worten
nichts als Lügen zu finden,
so hör mir wenigstens zu.
Schenk mir einige Minuten, einige wenige Minuten oder einige wenige mehr.
Du wirst es nicht bereuen.
Ich verspreche es, sowie ich verspreche
nur die Wahrheit
zu erzählen, damit den Lügen
die Kraft entzogen wird, die zermürbende Kraft, die aus uns
die gemacht hat, die wir sind.
Leg dich zu mir.
Verweile.
Tue so, als seist du geborgen in einer sicheren Höhle vor den Wirren der Fragen und
den Krallen der menschenverachtenden Hast.
Leg dich zu mir.
Lass uns so tun, als seien wir Kinder die den Mond bestaunen und dem Gesang der Sterne
lauschen.
Ein Mädchen und ein Junge, die Haut an Haut die Liebe ansaugen,
um sie miteinander zu teilen.
Lass uns für einen Moment vergessen, was wir von einander erhofften,
die Erwartungen ausradieren, die wir
niemals erfüllen können.
Komm, ich trockne deine Tränen und verspreche, sie nicht mit Lügen zu ersticken.
Vertrau mir, auch wenn du mich kennst.
Vertrau mir noch dieses eine Mal, damit ich es wage
die Schleier zu entfernen.

Ich habe den Schatten gesehen.
Nein, sprich jetzt nicht.
Warte,
hebe dir den Widerstand für später auf.
Lausche, denn was ich dir zu sagen habe ist nichts weniger als
die Wahrheit.

Als ich tief genug tauchte
in dieser Nacht,
traf ich meinen Schatten.
Mein Schatten war hell.
Ich traute meinen Augen kaum.
Er überstrahlte mein Bild.
Ich hatte Angst mich zu verlieren.

Ich wollte auftauchen, doch er hielt
mich zurück.
Er hatte mir etwas zu sagen.

Nein, nein, bleib liegen, rühr dich nicht.
Die Wahrheit verbirgt sich nur. Ich brauche etwas Zeit sie zu entblättern.

Schon sank ich tiefer,
der Schatten blieb an meiner Seite.
Seine Hände glänzten bernsteinfarben, seine Lippen
schimmerten wie Karmesin.
Mir schien als habe ich mich verirrt.
Ich suchte seine Augen.
Vergeblich
Mein Blick glitt stetig ab und driftete ins Nichts.

Nein, warte, warte.
Lass mich einen Augenblick des Nichts erinnern, das alles ist, wenn du verstehst.

Die Augen des Schattens waren unauffindbar.
Ich wollte weinen, doch
es gelang mir nicht.
Da sprang ich in mein Herz.
Die Enge dort überraschte mich.
Ich fror und fühlte steinernes Gemäuer.
Mein Schatten lachte und schleuderte mich herum.
bis ich in seine Augen sah.
Seine Augen, die
in meinem Herzen eingefroren,
mit den Wimpern schlugen,
um sich befreiten.
Neben ihnen prangte auf einem prächtigen Plakat
ein eingeritzter Schmerz.
Mein Schatten warf mir einen Schlüssel zu.

Nein, bitte, versteh mich nicht falsch.
Ich spreche nicht von Schuld.
Leg deinen Kopf zurück in meinen Schoß.
Hier herrscht jetzt Frieden.

Mit eingeritztem Schmerz sank ich
hunderte Meter weiter ab.
Die Dunkelheit der Tiefe konnte
dem Licht meines Schattens
nichts anhaben.
Das wunderte mich sehr.
Ich fragte nach.

Du warst schon einmal hier, sprach
die Dunkelheit,
ich kenne dich nur zu gut.
Du kamst wie ein glänzendes Licht mit Händen, die
wie Bernstein glänzten.
In deinen Augen badete die Liebe.
Der Schmerz
ließ dich tauchen und
brachte die Furcht.
Du wolltest lieber bleiben.
Bei mir.

Und so
tauchte dein Schatten für dich auf und
nahm deine Augen mit.
Verbarg sie achtsam in deinem Herzen.
Damit der Schmerz dich nie wiederfinden würde,
so war dein Plan.

Du glaubst mir nicht.
ich sehe es dir an,
obwohl ich die Wahrheit sage, glaubst du mir
nicht.
Doch wisse.
Die Dunkelheit erzählt niemals Lügen.
Die Wahrheit allerdings, die
braucht das Licht.

Du liebtest meinen Schatten.
Mich selber hast du nie gesehen.
Ich hatte mich vergessen, vergessen in
der Stille der Dunkelheit.
Ich lebte meinen Schatten und
glaubte, er sei
ich.

Meine bernsteinfarbenen Hände vermisste ich nie.
Bemerkte nie meine Augen, die
in meinem Herzen auf mich
warteten.
Jetzt bin ich zurück.

Die Dunkelheit
gab mich
frei.

Kannst du mich sehen?

Meine Hände halten dich in meinem Schoß.
Meine Augen leuchten in
meinem Herzen.
Sie atmen
Liebe.

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